Dienstag, 17. Mai 2016

Eine Messe – zwei Experimente

© Fotograf: Peter Mürz

Das Collegium Vocale Blieskastel führte im Rahmen der Blieskasteler Schlossbergkonzerte Rossinis „Petite Messe Solennelle“ auf.

Natürlich hört man auch Rossinis geistlicher Musik an, dass sie von einem Musiker komponiert wurde, der sich am italienischen Belcanto geschult hatte. So erfordert es vielleicht sogar einen gewissen Mut, dieses opernähnliche Werk mit seinen großen und gegensätzlichen Gefühlen in einer spätbarocken bzw. frühklassizistischen Franziskanerkirche zu Gehör zu bringen. Um dieses Experiment musste man sich jedoch keine Sorgen machen, handelte es sich doch bei den Blieskasteler Konzertbesuchern um ein geschultes Publikum, das sich gerne und mit feinsinnigem Ohr dem Ungewöhnlichen widmete.

Vom zweiten Experiment dagegen dürfte das Publikum nicht einmal etwas bemerkt haben: Christian von Blohn, der das Collegium Vocale Blieskastel sonst mit ausdrucksvollem Dirigat führt, leitete die Aufführung vom Flügel aus, d. h. er spielte den Klavierpart, der üblicherweise einem Konzertpianisten eigens anvertraut wird, einfach eigenhändig. Von Blohn und sein Chor erwiesen sich dabei als eingespieltes und füreinander sensibilisiertes Team: Kleinste agogische Nuancen wie subtile Verzögerungen führten sie in perfekter Natürlichkeit gemeinsam aus. Sanft verklingende Piani, mächtige Forte-Passagen ohne stimmliche Härte und sich immer weiter steigernde und dennoch präzise gearbeitete Fugen loteten alle Facetten dieses Werkes aus, von religiöser Andacht bis zu opernhafter Vitalität.  

Auch die Solisten – in gewohnter Verlässlichkeit Christian Heib (Bass) und Martin Erhard (Tenor) – wussten sich mit von Blohns Begleitung gut aufgehoben. Besonders beeindruckten die Frauenstimmen Muriel Schwarz (Sopran) und Sandra Stahlheber (Alt), aber auch das Zusammenspiel des gesamten Solistenquartetts beispielsweise im chromatisch diffizilen Benedictus.

Jörg Abbing gab der Begleitung mit dem Harmonium zusätzlich eine besondere und ungewöhnliche Farbe. Ihm hätte man allerdings für sein „Prélude religieux“ ein umfangreicheres Instrument gewünscht, das seiner differenzierten Gestaltung williger entgegengekommen wäre.

Begeisterter Applaus belohnte Solisten, Chor und den Dirigenten, der in diesem Fall gleichzeitig auch der Pianist war.

Heinrich Kling

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